Die Lawinenkatastrophe 1689 im Montafon

Sterbebuch St. Gallenkirch 1689

© Michael Kasper

Anfang Februar des Jahres 1689 ereignete sich die wohl schlimmste Lawinenkatastrophe der Montafoner Geschichte. In unzähligen Abschriften der sogenannten „Lawinenbriefe“ ("Leuibriaf") wurde die Erinnerung an dieses dramatische Ereignis über Jahrhunderte bis in die Gegenwart wach gehalten. Die Vorgesetzten des Standes Montafon hatten ursprünglich diese Berichte verfasst, um von der Regierung „Katastrophenhilfe“ zu erhalten. Dementsprechend wurde eine detaillierte Tabelle zur Zahl der Opfer sowie zu den verursachten Schäden erstellt: 

Von 300 verschütteten Menschen im gesamten Tal konnten 180 gerettet werden, 120 kamen bei den Lawinenabgängen ums Leben. Darüber hinaus sollen nahezu 120 Wohnhäuser, über 650 Nutzgebäude, 350 Stück Groß- und 580 Stück Kleinvieh sowie über 1800 Obstbäume von den Lawinen zerstört worden sein. Außerdem fielen den Schneemassen die Gortipohler Kirche, zwei Mühlen, drei Sägen und eine Schmiede zum Opfer. Schlussendlich aber wurde insbesondere der Waldbestand des gesamten Tales massiv beeinträchtigt. 

Die Folgen der Lawinenabgänge wurden teils mit dramatischen Details erläutert:  "Viele wurden nackt und bloß durch die Leuwinen aus ihren Betten gerissen und verkrochen sich dann zum Vieh in die Ställe, oder wurden starr und steif gefroren von andern fortgetragen. Schrecklich war in der Nacht das Geschrei der verunglückten Menschen." Oder: "Ganz zerknütscht, voll Wunden, blutig, mit abgerissenen Armen und Beinen, den Kopf gespal­ten, den Leib auseinander getrennt, hat man die Lei­chen nach 6 bis 10 Wochen ausgegraben; viele waren ganz unkenntlich entstellt und ihr Aussehen war, daß ein Stein sich hätte erbarmen mögen." In anderen Berichten: »Christa Vonier lag im Wasser der Litz und eine Tanne befand sich direkt auf ihm. Ein Kind kam überhaupt nicht mehr zum Vorschein. Den Leichnam des Christa Walser fand man an einer Stallwand hängend."

Beim Vergleich der Opferzahlen mit den Sterbebüchern kommen Zweifel an der Exaktheit der Angaben auf: In St. Gallenkirch finden sich zwar tatsächlich 18 Todesopfer, in Bartholomäberg jedoch "nur" 31 im Vergleich zu 36 laut der Statistik. Ähnlich fragwürdig erscheint die hohe Zahl von 51 beziehungsweise 52 Opfern in Gaschurn. Darauf kommt man nur, wenn man alle im Totenbuch ver­zeichneten Namen von Anfang Februar bis zur nächs­ten datierten Eintragung vom 28. April als Lawinen­tote wertet. Dann durfte damals aber während fast eines Vierteljahrs sonst niemand mehr verstorben sein.

In der Zeit der Not legten die Menschen Gelübde ab, beteten in den Kirchen und suchten in vermeintlich sicheren Häusern Zuflucht. Nach den Lawinenabgängen standen die Überlebenden völlig mittellos, ohne Nahrung und Kleidung mitten im Winter vor einer trostlosen Zukunft. Das Domkapitel in Chur erließ daraufhin 1698 den Montafonern den "Ehrschatz", eine Art von Gebühr, bis zum Jahr 1718 in Anbetracht der Schäden, die "sye an rüfen, leüen und etwelche jahr hero und noch befohrendegroße unfruchtbahrkeit und wilde der erden erliten."

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Autor: Michael Kasper, 30.1.2023

30.01.2023